|
Bildungsforschung
und Bildungsreform:
Von
den Defiziten der deutschen Erziehungswissenschaft[i]
Hans N.
Weiler[ii]
1.
Prolog
Unter
den Büchern, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, hat mir
eins besonders gut gefallen. Es fällt auf durch seine subtile
Ironie, die – auch ohne dass man es wüsste – die Herkunft ihres
Autors erraten lässt. Denn Buch und Autor kommen aus einem Land,
in dem seit Alexander Pope und Jonathan Swift Ironie und Satire
ein bevorzugtes literarisches Instrument der sozialen Auseinandersetzung
und der Gesellschaftskritik sind. Wie anregend ich diese literarische
Tradition finde, hat man seinerzeit bei meiner Verabschiedung
aus Frankfurt (Oder) hören können, als ich in den Fußstapfen
von Jonathan Swift Gullivers Reisen durch die deutsche Hochschullandschaft
nachgezeichnet habe (Weiler 2000).
Heute
ist allerdings nicht von Jonathan Swift und Gulliver die Rede,
sondern von Julian Barnes, einem der neueren Meister der britischen
Satire. Sein Buch über „Flauberts Papagei“ (Flaubert’s Parrot
1985, deutsch 1997), in dem das literarische Werk von Gustave
Flaubert aus der Sicht seines Papageis eine kritische Würdigung
erfährt, hat den Ruf von Julian Barnes als Satiriker solide
begründet. Sein Buch, „England, England“ (1998, deutsch
1999), von dem hier die Rede sein soll, hat diesen Ruf weiter
gefestigt.
Julian
Barnes erzählt die Geschichte eines ebenso exzentrischen wie
schwerreichen englischen Unternehmers, Sir Jack Pitman, der
sich entschließt, auf einer England vorgelagerten Insel eine
leicht miniaturisierte, aber ansonsten naturgetreue und vor
allem erheblich verbesserte Version des bestehenden Englands
zu errichten. Er scheut dabei keine Kosten und Mühen und denkt
wirklich an alles: an Big Ben mit Originalgeläut, den
Tower of London (komplett mit der Wachmannschaft der
Beefeater in Originalkostümen), Stratford-on-Avon
mit permanenter Shakespeare-Aufführung, die unverwechselbaren
Taxis und die roten Doppeldeckerbusse aus London, Stonehenge
und das Nobel-Kaufhaus von Harrod’s, Robin Hood und seine
Bande in einer naturgetreuen Nachbildung des Waldes von Sherwood,
das Haus von Jane Austen, die berühmten riedgedeckten
cottages von Devonshire, in denen nachmittags Devonshire
cream tea serviert wird.
Dabei
war längst nicht alles Imitation. Mit viel Geschick und noch
mehr Geld hatte es Pitman geschafft, sowohl die ehrwürdige Times
of London als auch die traditionsreiche Fußballmannschaft
von Manchester United tatsächlich im Original in das
neue England zu verlagern. Und in einem Coup ganz besonderer
Art war es ihm sogar gelungen, das englische Königshaus, das
in dem ursprünglichen England schon seit einiger Zeit nicht
mehr so recht geschätzt wurde und unter bisweilen herber öffentlicher
Kritik zu leiden gehabt hatte, zu einer Umsiedlung auf die neue
englische Insel zu veranlassen, wo ihrer bereits eine getreue
Nachbildung von Buckingham Palace harrte.
Kurzum,
es gelang Pitman, gleichsam der Quintessenz dessen, was am alten
England liebenswert und unverwechselbar war, auf seiner Insel
zu einer neuen Existenz und zu neuem Glanz zu verhelfen.
Das
Projekt war, vom Tage seiner offiziellen Eröffnung an, über
alles Erwarten erfolgreich – so erfolgreich, dass es in relativ
kurzer Zeit das Original weit in den Schatten stellte. Es begann
mit den Touristen, die sehr schnell zu schätzen lernten, dass
sie in dieser neuen Version von England sehr viel zuvorkommender
behandelt wurden, mit weniger Schmutz, Verspätungen und Verkehrsstaus
zu rechnen hatten und insgesamt, wie einer von ihnen feststellte,
den Eindruck hatten, einem nicht nur sehr viel sympathischeren,
sondern auch sehr viel authentischeren England zu begegnen.
Dieser Eindruck setzte sich alsbald auch in der internationalen
Gemeinschaft durch, und selbst die ansonsten etwas unbewegliche
Brüsseler Bürokratie konnte sich der mustergültigen Amtsführung
Pitmans nicht verschließen und entsprach seinem Antrag auf Mitgliedschaft
in der Europäischen Union.
Binnen
kurzer Zeit entstand so, vor den Toren des alten England, ein
neues England, das dem alten Modell nicht nur gleichwertig,
sondern in jeder Hinsicht überlegen war.
*
* *
Ich
denke gelegentlich darüber nach, ob man so etwas nicht auch
für die deutsche Erziehungswissenschaft versuchen sollte.
Sie
hat sich zwar – so wie das englische Königshaus – eine gewisse
behäbige, hier und da an Plüsch erinnernde Ehrwürdigkeit erworben,
aber von wirklichem Einfluss kann eigentlich keine Rede sein.
Sie ist, wiederum wie die Monarchie Britanniens, stolz auf ihre
vergangene Größe, steht aber der Zukunft eher etwas ratlos gegenüber.
Und wie beim englischen Königshaus heißt es dann immer wieder,
sie sei zu teuer, die Erziehungswissenschaft, und was habe das
Land eigentlich davon, usw. usf. So wie die Times of London
gehört auch sie, die Erziehungswissenschaft, irgendwie dazu
im Blätterwald der Wissenschaften, aber die Leitartikel, um
im Bild zu bleiben, sind zwar gescheit und gelehrt, beschäftigen
sich aber eher mit den Randgebieten des Weltgeschehens und kaum
mit dem, was die Menschen in den Schulen und den Klassenzimmern
eigentlich bewegt. Und wenn man sich diese ehrwürdige Wissenschaft
einmal näher ansieht, dann ist der Vergleich mit Devonshire
cream tea so unpassend eigentlich nicht – wohlschmeckend,
für das Herz nicht allzu aufregend und ein ebenso aufwendiger
wie angenehmer Luxus, dem man die mangelnde Nützlichkeit gerne
nachsieht. Der Wissenschaftsrat sagt es mit der ihm eigenen
vornehmen Zurückhaltung: „sie (die Erziehungswissenschaft) hat
sich in ihrem Bestreben um Anerkennung als eigenständige wissenschaftliche
Disziplin mittlerweile stark ausdifferenziert. Ihr ehemals ausgeprägter
Bezug auf die Lehrerbildung hat an Verbindlichkeit verloren
oder wurde ... vollends aufgegeben.“ (Wissenschaftsrat 2001,
S. 23-24) Nicht ganz so vornehm zurückhaltend bringt es Dieter
Wunder in der erziehungswissenschaftlichen Hauszeitschrift der
Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) auf
den kurzen und prägnanten Nenner: „strukturkonservativ-selbstzufrieden“
(2000).
Es
wäre in der Tat reizvoll, sich à la Pitman eine neue, ausgelagerte
Version der deutschen Erziehungswissenschaft vorzustellen. Vielleicht
würde sich auch hier eine gewisse Miniaturisierung empfehlen
– man könnte an Helgoland denken, oder vielleicht auch an Liechtenstein
– es würde sich mit Sicherheit etwas passendes finden lassen,
wo die deutsche Erziehungswissenschaft eine neue Blüte erleben
könnte – eine Blüte, angesichts derer der Wissenschaftsrat,
die Sächsische Hochschulentwicklungskommission und das nordrhein-westfälische
Kultusministerium zu demselben Schluss kämen wie die Touristen
auf der Insel des Mr. Pitman: eine nicht nur sehr viel sympathischere,
sondern auch authentischere Version.
Spätestens
an dieser Stelle werden sich die wohlachtbaren Vertreter dieser
deutschen Erziehungswissenschaft mit einer Mischung aus Verunsicherung
und Empörung fragen, wie denn dieser hergelaufene Politikwissenschaftler,
dessen eigene Disziplin weiß Gott von einem miniaturisierten
Neubeginn auf Helgoland nur profitieren könnte, auf die Idee
kommt, sich so despektierlich über eine andere Disziplin zu
äußern – eine Disziplin immerhin, die sich in deutschen Gelehrtenstuben
schon mit Comenius und Pestalozzi beschäftigte, als die Politikwissenschaftler
noch auf den Bäumen saßen und sich von den Abfällen ernährten,
die ihnen die Juristen und Historiker von ihren reich gedeckten
Tischen übrig ließen.
2.
Von den Defiziten der deutschen Erziehungswissenschaft
(Kurzfassung)
Diese
Frage will ich Ihnen gerne beantworten Meine Antwort hat eine
kurze und eine etwas längere Version. Beide Versionen sind in
diesem Beitrag zu finden. Die Kurzfassung meiner Antwort auf
die Frage, warum ich denn der deutschen Erziehungswissenschaft
einen neuen Start wünschen würde, geht wie folgt, und ich lege
sie Ihnen in ein paar kurzen Thesen vor:
2.1
Bildungspolitische Entscheidungen sind – auch wenn die,
die sie treffen, das manchmal nicht zugeben wollen – auf wissenschaftliche
Grundlegung, Begleitung und Bewertung angewiesen; ohne sie läuft
die Bildungspolitik Gefahr, entweder zum Opportunismus oder
zur Ideologie zu verkommen.
2.2
Diese These gilt ganz besonders für zwei Bereiche bildungspolitischer
Entscheidungen, die sich durch außergewöhnliche Komplexität
und Folgenschwere auszeichnen, und in denen die Politik in besonderer
Weise den kritischen Beistand kompetenter Wissenschaft braucht:
die Reform der Hochschulen und die Reform der Lehrerbildung.
In beiden Bereichen sind in Deutschland umfassende Reformen
im Gang, die die Struktur der Hochschullandschaft (Stichworte:
Deregulierung, Dienstrechtsreform, Zulassungsverfahren, Studienreform)
und den Prozess der Lehrerbildung (Stichworte: konsekutive Ausbildung,
neue Prüfungssysteme, Neubestimmung der Didaktik) nachhaltig
und grundlegend verändern werden.
2.3
In dieser Umbruchssituation, und ausgerechnet in diesen
beiden kritischen Bereichen, wird die Bildungspolitik von der
Wissenschaft, und vor allem von der Erziehungswissenschaft,
sträflich im Stich gelassen – und das gilt ungeachtet aller
bildungspolitischen Rhetorik bei festlichen Anlässen wie diesem
Kongress. Die Erziehungswissenschaft kommt ihrer Pflicht, bildungspolitische
Entscheidungen empirisch zu erhellen und kritisch zu begleiten,
in einem kaum angemessenen Umfang nach.
2.4
Das gilt für die Hochschulpolitik, wo die empirische
Hochschulforschung in Deutschland – von ganz wenigen Ausnahmen
abgesehen – so unterentwickelt ist, dass sie für die wichtigen
Entscheidungen zur Reform der deutschen Hochschulen keine wirkliche
Hilfe zu leisten vermag.
2.5
Das gilt in ähnlichem Maße für die Reform der deutschen
Lehrerbildung, deren Notwendigkeit nicht erst seit der PISA-Studie
auf der Hand liegt, und für die zwar inzwischen der politische
Handlungswille, aber nicht einmal die Ansätze eines wissenschaftlich
tragfähigen Gerüsts in der Erforschung von Lehren und Lernen
vorhanden sind.
2.6
Diesem ebenso schwerwiegenden wie erstaunlichen Dilemma
liegt eine tiefe Entfremdung zwischen den zwei Kulturen von
Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik zugrunde, die nicht
auf Deutschland beschränkt ist, die aber hierzulande besonders
stark ausgeprägt zu sein scheint.
2.7
Das problematische Verhältnis zwischen diesen beiden
„Kulturen“ hat sowohl mit der Wandlung des Selbstverständnisses
der Erziehungswissenschaft in Deutschland als auch mit dem Nachhall
der bildungspolitischen Konflikte der 60er und 70er Jahre in
der alten Bundesrepublik zu tun, an denen die Bildungsforschung
– mit gemischtem Erfolg – einen aktiven Anteil zu nehmen versucht
hat. Einige Zeitgenossen werden sich noch daran erinnern.
2.8
Es kann vor diesem Hintergrund instruktiv sein, sich
im Vergleich hierzu die Situation in den USA zu vergegenwärtigen,
die zwar keineswegs eine einzige Erfolgsstory ist, in der sich
aber das Verhältnis von Bildungsforschung und Bildungspolitik
insgesamt erheblich ungebrochener darstellt. Das lässt sich
sowohl im Verhältnis von Hochschulpolitik und Hochschulforschung
als auch am Stand der Forschung zur Lehrerausbildung und an
ihrem Einfluss auf die Reform derselben darstellen.
2.9
Der Vergleich mit den USA legt darüber hinaus auch die
Vermutung nahe, dass es sich bei den von mir festgestellten
Defiziten der deutschen Erziehungswissenschaft nicht nur um
eine Frage des inhaltlichen und wissenschaftstheoretischen Selbstverständnisses,
sondern auch um eine Frage der Wissenschaftsorganisation handelt.
3.
Von den Defiziten der deutschen Erziehungswissenschaft
(Langfassung)
So
viel zur Kurzfassung. Ich werde in der längeren Fassung auf
diese Thesen etwas ausführlicher eingehen.
Lassen
Sie mich zuvor aber auch deutlich machen, aus welcher Perspektive
diese Kritik erfolgt. Diesen Beitrag schreibt jemand, der nicht
nur ein – inzwischen etwas betagtes – Produkt des deutschen
Bildungswesens ist, sondern der dieses Bildungswesen seit 35
Jahren aus der Ferne, aber mit großem Interesse und beträchtlicher
Sympathie beobachtet hat, und dessen Interesse und Sympathie
ihn immerhin bewogen haben, auf seine alten Tage eine in jeder
Hinsicht attraktive Professur in Stanford aufzugeben und sich
an einem nicht ganz unproblematischen Standort – in Frankfurt
an der Oder – noch einmal auf dieses deutsche Bildungswesen
einzulassen. Ich sage das nicht als captatio benevolentiae,
sondern um Ihnen verständlich zu machen, dass es mir hier nicht
um ein maliziöses Gemeckere, sondern um eine überaus besorgte
Kritik handelt. Sollte diese sich als irrig oder überzogen herausstellen
– niemand würde sich mehr freuen als ich.
Nun
zurück zu meinen Thesen.
3.1
Bildungspolitik ist auf Wissenschaft angewiesen.
Ich
rekapituliere: Bildungspolitische Entscheidungen sind – auch
wenn die, die sie treffen, das manchmal nicht zugeben wollen
– auf wissenschaftliche Grundlegung, Begleitung und Bewertung
angewiesen; ohne sie läuft die Bildungspolitik Gefahr, entweder
zum Opportunismus oder zur Ideologie zu verkommen.
Dass
es sich beim Verhältnis von wissenschaftlichen Befunden und
politischen Entscheidungen nicht um ein simples Wirkungsverhältnis,
sondern um einen überaus komplexen Zusammenhang handelt, brauche
ich hier nicht zu erläutern. Manchen Lesern dieses Beitrags
sind vielleicht auch meine Überlegungen bekannt, die in diesem
Verhältnis eine Beziehung wechselseitiger Legitimation sehen,
in der Wissen die Ausübung politischer Herrschaft ebenso legitimiert
wie politische Entscheidungen zur Legitimation bestimmter Arten
von Wissen und Wissensproduktion beitragen (Weiler 1983, 2001).
In
all dieser Komplexität jedoch bleibt festzuhalten, dass politische
Entscheidungen, wenn sie sachgerecht gefällt werden sollen,
eines möglichst breiten und verlässlichen Wissensfundaments
bedürfen. Man kann sich schwerlich eine sachgerechte öffentliche
Gesundheitspolitik vorstellen, die ohne ein wissenschaftlich
grundgelegtes Verständnis etwa der Verbreitung und Ursachen
wichtiger Erkrankungen, der Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen
Bedingungen und Krankheit oder der Wirksamkeit von Schadstoffen
auskommt. Ebenso fragwürdig wären eine Verkehrs-, Energie- oder
Siedlungspolitik, die auf belastbare Aussagen zu Ursachen und
Wirkungen, zu Bedingungen und Folgen bestimmter Maßnahmen verzichten
könnte. Dass das in der Realität der politischen Entscheidungen
nicht immer so ist, ändert nichts an der Geltung des Prinzips.
Es
liegt in der Natur der Sache, dass Bildungspolitik immer besonders
in der Gefahr steht, ihre Entscheidungen nicht so sehr an den
Ergebnissen solider Forschung, sondern vornehmlich an Gesichtspunkten
politischer Opportunität oder ideologischer Korrektheit zu orientieren.
Natürlich gilt auch hier, dass wissenschaftlicher Sachverstand
eine politische Entscheidung immer nur zu erhellen und zu informieren,
nie aber erschöpfend zu begründen vermag, und dass gesellschaftspolitische
Prioritäten eine wichtige Rolle in solchen Entscheidungen spielen.
Aber es ist gerade die Geringschätzung einer solchen wissenschaftlichen
Orientierung, die so manche bildungspolitische Entscheidung
dem Verdacht von Opportunismus oder Ideologisierung aussetzt.
Die Auseinandersetzungen um die Gesamtschule, um die Privatisierung
von Bildungsangeboten, oder um affirmative action in
der Hochschulzulassung – um nur einige zu nennen – bieten eine
Vielzahl von handgreiflichen Lektionen.
3.2
Zwei kritische Bereiche der Bildungspolitik: Hochschulreform
und Reform der Lehrerbildung.
Es
ist für den interessierten auswärtigen Beobachter schon bemerkenswert,
dass inzwischen im deutschen Bildungswesen zwei Bereiche, die
für lange Zeit als klinisch resistent galten, inzwischen nicht
nur Gegenstand intensiver Reformüberlegungen (das gab’s öfter
schon einmal), sondern auch intensiver Reformmaßnahmen sind.
So
ist in der deutschen Hochschulpolitik inzwischen ein Reformprozess
in Gang gekommen, der sich an den Stichworten
-
Deregulierung
und institutionelle Autonomie,
-
Veränderung
der Leitungsstrukturen,
-
Leistungsgebundene
Allokation von Ressourcen und Vergütung von Personal,
-
Studienreform
(vor allem im Rahmen der Einführung konsekutiver Abschlüsse),
und
-
alternative
Hochschulfinanzierung
festmachen
lässt. Die Dynamik dieses Prozesses ist einer eigenartigen Koalition
aus reformenthusiastischen Politikern auf Bundes- und Landesebene,
einer kritischen Masse von Hochschulrektoren und aktiven Interessenten
aus der Wirtschaft zuzuschreiben, der Einrichtungen wie das
Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und der Stifterverband
für die deutsche Wissenschaft als Katalysatoren gedient haben.
In
der Lehrerbildung ist der Zug zwar noch nicht ganz so weit gerollt,
aber die ersten Weichen sind gestellt – etwa durch die Empfehlungen
des Wissenschaftsrates, den Modellversuch zur zweistufigen Lehrerbildung
in Nordrhein-Westfalen und die jüngsten Vorschläge aus Rheinland-Pfalz.
Wer hier nach Katalysatoren sucht, kann sicher auch in der öffentlichen
Aufregung über die PISA-Studie fündig werden.
In
der Hochschulreform scheint mir, allen verzweifelten Zuckungen
des Hochschulverbandes zum Trotz, die Entwicklung kaum noch
reversibel zu sein und auf eine weitreichende Umgestaltung des
deutschen Hochschulwesens hinauszulaufen – erst recht, wenn
die in der Diskussion weit fortgeschrittenen Pläne zur Veränderung
des Zulassungswesens und – allen sozialdemokratischen Rückzugsgefechten
zum Trotz – zur Einführung von Studiengebühren demnächst Wirklichkeit
werden.
Für
die Lehrerausbildung bildet die gegenwärtige Diskussion zumindest
das Potential für eine grundlegende Neuausrichtung; ob dieser
Prozess noch reversibel ist, will und kann ich im Augenblick
noch nicht abschließend beurteilen. Potentiell zumindest ist
auch hier eine radikale Umgestaltung der Landschaft abzusehen
– von der Neustrukturierung des Verlaufs der Lehrerausbildung
über ein neues Verhältnis zwischen fachwissenschaftlicher und
pädagogisch-didaktischer Ausbildung (und damit zwangsläufig
eine grundlegende Neubestimmung der sogenannten „Fachdidaktik“)
bis hin zu neuen institutionellen Zuordnungen zwischen Fachhochschulen,
Universitäten, Studienseminaren und Schulen.
3.3
Die Erziehungswissenschaft lässt die Bildungspolitik
im Stich.
Dem
massiven Bedarf an wissenschaftlicher Orientierung und Erhellung,
der gerade in einer solchen Umbruchssituation vorhanden ist,
wird die deutsche erziehungswissenschaftliche Forschung – so
meine These – allenfalls marginal gerecht. Über den Befund lasse
ich mich, wenn mir jemand überzeugende Daten zum Beweis des
Gegenteils liefert, gerne eines besseren belehren. Über die
dem Befund zugrundeliegende Prämisse jedoch, dass die Erziehungswissenschaft
im Hinblick auf eine wissenschaftliche Orientierung von Politik
in der Pflicht ist, lasse ich nicht mit mir handeln. Denn was
immer sonst auch Wissenschaft sein mag und sollen kann – sie
hat für die Bereiche gesellschaftlicher Wirklichkeit,
für die sie Kompetenz beansprucht, auch eine unerlässliche Orientierungs-,
Begründungs- und Bewertungspflicht, der sie sich nicht entziehen
kann.
Das
gilt für die Erziehungswissenschaft in besonderem Maße insofern,
als ihr erklärter Kompetenzbereich die einzigen gesellschaftlichen
Einrichtungen umfasst, die ausdrücklich und ausschließlich für
Zwecke der Bildung und Erziehung eingerichtet sind: Schule und
Hochschule.
Für
den Bereich Schule und Hochschule aber – so meine These – leistet
die Erziehungswissenschaft in Deutschland nicht im entferntesten
das, was sie leisten sollte und was sie (angesichts ihrer an
vielen deutschen Hochschulen nicht unbeträchtlichen Ressourcen)
leisten könnte.
Man
stelle sich einmal vor, dass die Ingenieurwissenschaften den
Prozess der technologischen Entwicklung wissenschaftlich so
stiefmütterlich behandelten wie die Erziehungswissenschaften
die Frage der Leistungsfähigkeit von Schulen, Lehrern und Hochschulen:
Wir hätten mit Sicherheit eine empörte öffentliche Diskussion
in Deutschland über die Daseinsberechtigung der Ingenieurwissenschaften.
Man
schaue sich Vorlesungsverzeichnisse, Forschungsberichte, Websites
und Veröffentlichungslisten einmal sorgfältig an: Die ernsthafte,
systematische und empirische Beschäftigung mit Lehren und Lernen,
mit Schulen und Hochschulen, mit Lehrern und ihrer Ausbildung,
mit Curriculum und seiner Bewertung fristet ein Dasein am Rande
der Disziplin und nicht da, wo sie eigentlich hingehörte, in
ihr Zentrum. Ausnahmen
– gewichtige und beachtliche – bestätigen auch hier die Regel,
kommen allerdings vor allem außerhalb erziehungswissenschaftlicher
Fachbereiche und Fakultäten vor. Das Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung ist eben nicht typisch für die universitäre
deutsche Erziehungswissenschaft, ebenso wenig wie das Institut
für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel, das
Deutsche Institut für internationale pädagogische Forschung
(DIPF) oder die Arbeit mancher Landesinstitute. Es wäre nicht
auszudenken, wie es um das wissenschaftliche Verständnis von
Bildung und Erziehung in Deutschland bestellt wäre, wenn es
diese außeruniversitären Einrichtungen nicht gäbe und der bildungspolitische
Diskurs auf den wissenschaftlichen Ertrag der universitären
Erziehungswissenschaft angewiesen wäre.
3.4
Der Hochschulpolitik fehlt eine solide empirische Hochschulforschung.
Diese
soeben getroffene pauschale Feststellung gilt in besonderer
Weise für die Hochschulpolitik, wo die empirische Hochschulforschung
in Deutschland viel zu unterentwickelt ist, als dass sie für
die wichtigen Entscheidungen zur Reform der deutschen Hochschulen
eine wirkliche Hilfe zu leisten vermöchte.
Auch
hier bestätigen wiederum Ausnahmen eine eher deprimierende Regel:
weder die durchaus anerkennenswerten Bemühungen von Ulrich Teichler
und seinen Mitstreitern in Kassel und der wackeren Truppe von
Hochschulforschern in Halle-Wittenberg – beide wohlgemerkt nicht
gerade im Gravitationszentrum von Universitäten und erst recht
nicht in erziehungswissenschaftlichen Fachbereichen gelegen
– noch die von Hochschulstrukturen noch sehr viel weiter entfernten
Bemühungen von HIS und CHE können darüber hinwegtäuschen, dass
die empirische Hochschulforschung in Deutschland ein Notstandsgebiet
ist. Der kürzlich von Ulrich Teichler und Jan Sadlak für die
Unesco besorgte Überblick über „Higher Education Research“ (2000)
hat über Deutschland, von Teichler’s Herausgeberrolle abgesehen,
so gut wie nichts zu berichten, und die Beiträge deutscher Autoren
zu der umfangreichen Bibliographie sind mit der Lupe zu suchen
und erreichen längst nicht das Volumen der Beiträge etwa aus
den Niederlanden.
Was
würde ich denn tun, wenn ich als verantwortlicher Hochschulpolitiker
nach einigermaßen verlässlichen und systematischen Analysen
zu einigen der brennendsten Fragen der deutschen Hochschulentwicklung
suchen müsste? Etwa nach Analysen
-
der geographischen
Mobilität von Studierenden und Studieninteressenten,
-
der Gründe
für Studienabbruch und Studienwechsel,
-
der Wirkung
unterschiedlicher Unterrichtsformen und Lernstrategien an Hochschulen
auf den Studienerfolg von Studierenden,
-
der Auswirkungen
unterschiedlicher Prüfungsverfahren und –ordnungen auf den Unterricht
und auf individuelles Lernverhalten,
-
der Vor- und
Nachteile unterschiedlicher hochschulcurricularer Modelle,
-
ganz allgemein
der Determinanten von Studien- und Prüfungserfolg,
-
zu den Stärken
und Schwächen unterschiedlicher Modelle der Ausbildung des wissenschaftlichen
Nachwuchses,
-
der Einstellungen
von unterschiedlichen Gruppen von Studierenden zum Studium,
zu beruflichen Perspektiven oder zum Begriff von Leistung,
-
zu den kurz-,
mittel- und langfristigen Auswirkungen des Lernens mit neuen
Medien,
-
der organisationssoziologischen
Merkmale hochschulinterner Entscheidungs-, Bewertungs- und Allokationsprozesse,
oder gar – sit venia verbo -
-
zur pädagogisch-didaktischen
Eignung von Hochschullehrern.
Wo
würde ich denn in Deutschland eine Sammlung von Daten und Analysen
finden, die auch nur im entferntesten mit dem vergleichbar wäre,
was Alexander Astin und seine Mitarbeiter an der University
of California at Los Angeles (UCLA)
nunmehr über fast 35 Jahre hinweg mit ihren Erhebungen
zu den demographischen und sozialen Merkmalen und Einstellungen
amerikanischer undergraduates aufgebaut haben (vgl. Astin
1993; Dey 1991) – oder auch das, was von Leuten wie Katchadourian
und Boli (1985, 1994), Klitgaard (1985) und anderen an Kohortenanalysen
zum Verhältnis von Herkunft, Studienverlauf und beruflichem
Erfolg erarbeitet worden ist? Als Hochschulpolitiker, der sich
in Deutschland mit Fragen von Studienreform, Studienberatung,
Zulassungsregeln und leistungsgerechter Mittelzuweisung zu beschäftigen
hätte, würde ich mir nach solchen Analysen doch die Finger lecken!
3.5
Die Reform der Lehrerbildung braucht die Wissenschaft
vom Lehren und Lernen.
Ich
bewundere in gewisser Hinsicht den Mut derjenigen, die sich
den Kopf über die Zukunft der Lehrerbildung in Deutschland zerbrechen.
Für die Notwendigkeit ihrer Initiative spricht sicherlich ein
diffuses, weitverbreitetes Unbehagen am Status Quo der Lehrerbildung
und eine eher intuitive Überzeugung, dass irgendein Zusammenhang
doch wohl bestehen muss zwischen den mediokren Leistungen deutscher
Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich und der
Qualität (und damit indirekt wohl auch der Ausbildung) ihrer
Lehrer. Genaues aber weiß man eben nicht, denn die empirische
Basis zur Identifizierung der Stärken und Schwächen in der Lehrerbildung
und zur Entwicklung einer wirksamen Therapie ist denkbar dünn.
Auch hier wird wiederum die Regel von gewichtigen Ausnahmen
bestätigt, bei denen man allerdings immer wieder auf nur wenige
Namen, nicht zuletzt den von Ewald Terhart (vgl. 2000), stößt.
Wo
würde ich denn, wenn ich mir verantwortlich und überlegt Gedanken
über eine zukünftige Lehrerausbildung in Deutschland machen
wollte – wo würde ich denn die verlässlichen und systematischen
Forschungsergebnisse finden, die mir etwa die folgenden Fragen
beantworten:
-
Wie wirken
sich unterschiedliche Unterrichtsformen und –strategien (systematisch
und nicht nur anekdotisch) auf das Lernverhalten von Schülern
aus?
-
Wo liegen
die Gründe für die Wahl (und vor allem: für die Abwahl) des
Lehrerberufs?
-
Wer hat denn
wirklich empirisch und unvoreingenommen die wissenschaftliche
Qualität der Fachdidaktik bewertet?
-
Wo ist die
kritische Masse psycholinguistischer und soziolinguistischer
Forschung zu mehrsprachigen Unterrichtssituationen?
-
Wo finde ich
verlässliche Daten zum Studierverhalten von Lehramtskandidaten,
einschließlich der Gründe für Studienabbruch und Studienwechsel?
-
Welche systematischen
Evaluierungen der Qualität von Programmen der Lehrerausbildung
in Deutschland liegen vor – und was ergeben sie?
-
Gibt es eine
empirische Basis zur Ermittlung der Stärken und Schwächen unterschiedlicher
Modelle zur Verbindung von Fachwissen und Vermittlungswissen?
(mit anderen Worten: Gibt es zur Lehrerbildung in Deutschland
eine kritische Curriculum-Forschung?)
-
Kann man in
Deutschland wirklich belastbare Aussagen über den Zusammenhang
zwischen der professionellen Kompetenz von Lehrern und den Lernerfolgen
(und -misserfolgen) von Schülern treffen? (Natürlich wissen
wir zu diesem Thema einiges aus der TIMSS-Studie – nur ist es
vielleicht nicht ganz zufällig, dass ausgerechnet der
Teil der TIMSS-Studie, der sich besonders eingehend mit der
Qualifikation von Lehrern und ihren Folgen beschäftigt, aus
der von den Vereinigten Staaten initiierten Fallstudienserie
über die USA, Japan und Deutschland stammt [Stevenson and Nerison-Low
2000, insbesondere Chapter 5]; vgl. LeTendre et al. 2001.) –
usw. usf.
Natürlich
werden jetzt manche Kolleginnen und Kollegen laut und indigniert
„Hier!“ rufen und mich auf so manches versprengte und verkannte
wissenschaftliche Meisterstück verweisen wollen – und sicher
zu Recht. Nur: Zum einen kommen wiederum die meisten dieser
Meisterstücke aus dem nicht-universitären Bereich und sehr viel
weniger aus den erziehungswissenschaftlichen Fachbereichen der
Universitäten. Und zum anderen werden selbst die selbstbewusstesten
Verfechter der deutschen Erziehungswissenschaft mir nicht einreden
wollen, dass die Summe dieser Meisterstücke für irgendeine der
hier genannten – und für viele hier nicht genannte – Fragen
auch nur annähernd so etwas wie eine kritische Masse fundierter
wissenschaftlicher Orientierung für eine zukünftige Lehrerbildung
darstellt.
Auch
hier würde ich mir, wenn ich bildungspolitisch für eine Reform
der Lehrerbildung verantwortlich wäre, die Finger lecken nach
der Art von Datenmaterial und -analyse, die etwa – ich komme
darauf noch zurück – die National Commission Teaching for America’s
Future (NCTAF) unter der Leitung meiner Stanford-Kollegin Linda
Darling-Hammond zusammengetragen hat. Man schaue sich im Vergleich
dazu doch nur einmal den eher kümmerlichen Datenanhang der Wissenschaftsratsempfehlung
zur Lehrerbildung (2001, S. 61-75) an – was ich nicht in erster
Linie dem Wissenschaftsrat anlaste, sondern viel mehr dem Stand
der Forschung, der eben nicht sehr viel mehr hergibt. Und es
ist deshalb auch nur folgerichtig, wenn der Wissenschaftsrat
– diesmal ohne vornehme Zurückhaltung – kategorisch feststellt:
„Lehrerbildung ist bislang in Deutschland kein Gegenstand wissenschaftlicher
Forschung.“ (2001, S. 56) Als Eingeständnis ist das etwa so
schwerwiegend, als wenn man feststellen müsste, dass in Deutschland
die Gründe für Verkehrsunfälle, die Emission von Schadstoffen
oder der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs kein
Gegenstand wissenschaftlicher Forschung wäre.
Die
Tatsache, dass die empirische Erforschung von Lehren und Lernen
und damit eine wissenschaftlich glaubwürdige
Orientierung einer Reform der Lehrerbildung in der deutschen
Erziehungswissenschaft das Dasein eines Mauerblümchens fristet,
wird allerdings in dem Augenblick etwas verständlicher, in dem
man sich einige der Stellungnahmen der einschlägigen Fachgesellschaft
sorgfältiger ansieht. Die Stellungnahme der DGfE vom August
2001 zur Reform der Lehrerbildung (Deutsche Gesellschaft 2001a)
kann als Beispiel dienen. Darin findet sich im übrigen vieles,
dem ich vorbehaltlos zustimmen würde – wie z.B. die Notwendigkeit
einer kontinuierlichen Evaluation der Forschungsleistungen der
Erziehungswissenschaft (eine Evaluation, die ich dann allerdings
nicht, wie dort vorgeschlagen, ausschließlich der Erziehungswissenschaft
selbst vorbehalten würde), oder auch die Einführung studienbegleitender
Prüfungen (die allerdings heutzutage kaum noch als Neuheit gelten
dürften).
Insgesamt
aber finde ich es bemerkenswert, dass in dieser ganzen ausführlichen
Stellungnahme, deren Ton einen deutlichen Unfehlbarkeitsanspruch
der organisierten Erziehungswissenschaft in der Frage der Lehrerbildung
erkennen lässt, an keiner einzigen Stelle die Rede davon ist,
wie wichtig eine systematische wissenschaftliche Beschäftigung
mit Fragen der Lehrerbildung wäre, und dass sich die deutsche
Erziehungswissenschaft nunmehr mit Vorrang um eine solche wissenschaftliche
Schwerpunktbildung zugunsten der Lehrerbildung im Rahmen einer
leistungsfähigen empirischen Lehr- und Lernforschung bemühen
würde.
Dieses
Versäumnis ist angesichts des geringen Stellenwerts einer solchen
Forschung in der deutschen Erziehungswissenschaft zwar verständlich
– es stellt aber die Glaubwürdigkeit der Stellungnahme selbst
und ihres belehrenden Grundtons ganz grundsätzlich in Frage.
Man muss sich vor dem Hintergrund einer solchen Stellungnahme
allen Ernstes fragen, woher denn die Deutsche Gesellschaft für
Erziehungswissenschaft – also für eine Wissenschaft, der der
Wissenschaftsrat soeben noch bescheinigt hat, dass sie sich
aus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Lehrerbildung verabschiedet
hat – woher eine solche Gesellschaft die Legitimation bezieht,
sich gleichsam ex cathedra zur Zukunft eben dieser Lehrerbildung
zu äußern.
Ähnliche
Zweifel rufen bei mir, offen gestanden, die Empfehlungen für
ein „Kerncurriculum Erziehungswissenschaft“ vom Juli 2001 (Deutsche
Gesellschaft 2001b) hervor – in dem ich wiederum manches finde,
was mir einleuchtet. Aber dass jemand in Deutschland als ausgewiesener
Erziehungswissenschaftler diplomiert und als für Fragen von
Erziehung und Bildung wissenschaftlich kompetente Fachperson
approbiert werden kann, ohne den Nachweis erbracht zu haben,
sich empirisch und systematisch mit Schule, Lehre und Unterricht
beschäftigt zu haben – das geht über meinen gesunden Menschenverstand.
Aber
ich bin ja offenbar nicht der einzige, dem das auffällt. Die
von der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK)
zu dieser Frage eingesetzte Kommission (Terhart 2000) hat ihre
Einschätzung der Defizite in der Lehrerbildung und ihrer wissenschaftlichen
Begründung deutlich genug gemacht – auch wenn ich ihre Strukturvorschläge
für nicht weitgehend genug halte. Und inzwischen werden ja auch
– was ich für überaus positiv halte – in den eigenen Reihen
Zweifel daran laut, ob die real existierende Erziehungswissenschaft
der Herausforderung zu einem besseren wissenschaftlichen Verständnis
der Tätigkeit und der Ausbildung von Lehrern gerecht wird. Die
von ihm selbst so benannte „besorgte Anfrage“ von Dieter Wunder
im 11. Jahrgang der Erziehungswissenschaft (Wunder 2000)
stellt ja auch fest, dass in dem bei Ihrem Kongress in Göttingen
vor zwei Jahren diskutierten Text über das Selbstverständnis
der Erziehungswissenschaft die Lehrerbildung „fast keine Rolle“
spielt und sogar „abwehrend auf Schule Bezug genommen wird“.
Diese Erziehungswissenschaft, so schließt Wunder, „ist
sich selbst genug“; ihre Einstellung zur Frage der Lehrerbildung
ist – wie schon zitiert -
„strukturkonservativ-selbstzufrieden“. Rabiater, aber
auch zutreffender, hätte auch ich es nicht sagen können. Das
britische Königshaus lässt grüßen.
3.6
Die
zwei Kulturen von Bildungspolitik und Erziehungswissenschaft
sind einander fremd.
Nun
ist die Entfremdung zwischen Wissenschaft und Politik natürlich
nicht auf das Verhältnis von Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik
– und natürlich auch nicht auf Deutschland – beschränkt. Dass
Wissenschaft zur Frage der politischen Steuerung des
Bereichs von Wirklichkeit, für den sie sich interessiert, ein
durchweg prekäres Verhältnis hat, ist weder neu noch besonders
überraschend. Man kann ja auch nicht sagen, dass sich etwa die
Politikwissenschaft gegenüber dem Wohlergehen ihres Gegenstandes
– der polis – als besonders aufgeschlossen erweist. Die
wissenschaftliche Beschäftigung mit einem Gegenstand und die
politische Gestaltung dieses Gegenstandes sind in der Tat zwei
Kulturen, denen unterschiedliche Verfahrensweisen, Traditionen,
Wertvorstellungen und Beurteilungskriterien zugrunde liegen.
Dennoch
erlaube ich mir die Vermutung, dass in der deutschen Erziehungswissenschaft
eine ganz außergewöhnliche Indifferenz gegenüber der Praxis
von Erziehung (zum Unterschied etwa von ihrer Geschichte, ihrer
philosophischen Bedeutungslehre, ihrer Symbolik, ihrer Hagiographie
oder auch ihrer politischen Ökonomie) vorherrscht. Diese Indifferenz
scheint dort besonders ausgeprägt zu sein, wo es um den gesellschaftlich
zentralen Ort institutionalisierter Erziehung – die Schule –
und vor allem um die für sie in erster Linie verantwortlichen
Akteure – die Lehrer – geht. Natürlich weiß ich, dass allerorten
Erziehungswissenschaftler an Lehramtsstudiengängen beteiligt
sind und da zum Teil ganz erhebliche Lasten tragen. Das steht
hier nicht in Frage. Meine Behauptung geht vielmehr dahin, dass
Lehren und Lernen, Schüler und Lehrer unter den wissenschaftlichen
Prioritäten und den Forschungsthemen vor allem der universitären
Erziehungswissenschaft eine angesichts der Bedeutung des Gegenstandes
eher untergeordnete Rolle spielen.
3.7
Die Erziehungswissenschaft steht im Schatten ihrer eigenen
Geschichte.
Man
muss sich fragen, warum das so ist, warum die zwei Kulturen
von Wissenschaft und Politik gerade im Bereich von Bildung und
Erziehung, und gerade in Deutschland, so große Schwierigkeiten
haben, miteinander unbefangener umzugehen. Ich erlaube mir,
hierzu die eine oder andere Vermutung anzubieten.
Die
erste Vermutung, die unter Wissenschaftshistorikern kaum strittig
sein dürfte, ist die, dass die deutsche Erziehungswissenschaft
sich eine ganz besondere Anhänglichkeit an ihre geisteswissenschaftlichen
Traditionen bewahrt und besondere Schwierigkeiten gehabt hat,
sich mit einem empirischen, sozial- und verhaltenswissenschaftlich
orientierten Selbstverständnis anzufreunden. Das ist in dieser
Form natürlich wieder eine Weiler’sche Pauschalisierung, aber
sie trifft, glaube ich, dem Akzent nach die Sache.
Man
könnte diesen Sachverhalt auch, wenn Ihnen diese Kennzeichnung
etwas zu kategorisch vorkommt, etwas anders und mit dem von
mir bei der Beschreibung von Hochschulen besonders geschätzten
Konstrukt der Ambivalenz beschreiben (Weiler 2001b). Im Falle
der deutschen Erziehungswissenschaft zeigt sich diese Ambivalenz
in der Neigung, der geistesgeschichtlichen, textkritischen und
wertphilosophischen Reflexion über Erziehung den Vorzug vor
der empirischen Forschung, und der normativen Aussage den Vorzug
vor der analytischen Beschreibung und Erklärung von Sachverhalten
zu geben.
Auch
in diesem Punkt gibt es gewisse Parallelen zur Politikwissenschaft,
die sich allerdings in Deutschland weniger schwer getan hat,
die Anhänglichkeit an das geisteswissenschaftliche Vermächtnis
ihrer Gründerväter (Bergstraesser, Friedrich, Eschenburg, Sternberger
u.a.) mit einer soliden empirischen und sozialwissenschaftlichen
Orientierung in Einklang zu bringen. Das ist nicht immer ohne
Schaden abgegangen und gelegentlich bei manchen meiner Kollegen
in geistloses Zahlengemetzel („number crunching“) ausgeartet,
hat aber insgesamt ganz erheblich zu unserem Verständnis politischer
Prozesse, Verhaltensweisen und Institutionen beigetragen.
Für
manche Bestandteile der deutschen Erziehungswissenschaft will
ich im übrigen auch nicht ganz die Vermutung ausschließen, dass
es sich hier um eine der letzten Bastionen handelt, in denen
die versprengte Saat des Positivismusstreits immer noch späte
Blüten der Skepsis gegen empirische Forschung treibt.
Eine
weitere Vermutung wäre die, dass die deutsche Erziehungswissenschaft
sich immer noch nicht ganz von dem Katzenjammer erholt hat,
den die bildungspolitischen Konflikte der 60er und 70er Jahre
in der alten Bundesrepublik hinterlassen haben. In diesen Konflikten
hat ja die Bildungsforschung, wie ich schon in einigen Arbeiten
von damals gezeigt habe (Weiler 1983), eine wichtige und keineswegs
unumstrittene Rolle gespielt. Sie ist dort in bildungspolitischen
Auseinandersetzungen – etwa um die Gesamtschule – gelegentlich
auf eine Weise instrumentalisiert worden, in der wissenschaftliche
Orientierung und Erhellung überfordert waren.
So
etwas hinterlässt seine Spuren. Wenn, wie in manchen der damaligen
Auseinandersetzungen etwa im Deutschen Bildungsrat, auch erziehungswissenschaftliche
Expertise und durchaus saubere empirische Forschung – ob zu
Recht oder zu Unrecht ist hier unerheblich – in den Verdacht
der bildungspolitischen Parteilichkeit geraten kann, dann ist
es zunächst einmal durchaus verständlich, wenn man weiteren
Beschäftigungen mit bildungspolitisch relevanter erziehungswissenschaftlicher
Forschung eher skeptisch gegenüber steht. Das allein würde sicher
nicht die Zurückhaltung der heutigen Erziehungswissenschaft
erklären – und erst recht nicht entschuldigen – können, aber
ein verstärkender Faktor könnte es allemal sein.
Ich
habe noch eine weitere Vermutung, mit der ich allerdings der
letzten meiner neun Thesen vorgreife. Diese Vermutung hat mit
der organisatorischen Verortung der Erziehungswissenschaft im
deutschen Hochschulsystem zu tun. Ich weiß, das ist ein weites
Feld und ein vielgestaltiges Gelände. Manchmal bilden die Erziehungswissenschaften
eine eigene Fakultät oder einen eigenen Fachbereich, manchmal
sind sie – in der Regel recht lose – mit der Psychologie oder
der Philosophie in einer Einheit verbunden. Nur wenige dieser
organisatorischen Regelungen sind dazu angetan, die akademischen
Erziehungswissenschaften in einen regelmäßigen und selbstverständlichen
Austausch mit empirischen Verhaltens- und Sozialwissenschaften
einzubinden. Nimmt man hinzu, dass die Erziehungswissenschaften
darauf bestanden haben, eigene Studiengänge einzurichten (für
die die Nachfrage gut, der Studienerfolg mäßig und der Arbeitsmarkterfolg
überprüfungsbedürftig ist), so trägt auch das zu einer gewissen
wissenschaftlichen Isolierung bei, wo eigentlich ein lebendiger
Austausch mit den Verhaltens- und Sozialwissenschaften angezeigt
wäre.
Ich
weiß, wovon ich rede. Ich blicke auf 35 Jahre wissenschaftlicher
Erfahrung in einer School of Education zurück, in der
ausgewiesene Psychologen, Soziologen, Anthropologen, Ökonomen,
Linguisten und Politikwissenschaftler eng – wenn auch nicht
immer einträchtig – in Forschung und Lehre mit Pädagogen zusammengearbeitet
haben. Diese Erfahrung hat mich von der wissenschaftlichen Fruchtbarkeit
dieses Modells voll überzeugt. Nicht zuletzt diese Art von Erfahrung
ist mit verantwortlich für die Empfehlung der von mir geleiteten
Sächsischen Hochschulentwicklungskommission, die erziehungswissenschaftlichen
Fachbereiche in Sachsen aufzulösen und statt dessen „Zentren
für Lehren und Lernen“ zu schaffen, an denen alle mit Erziehung
befassten Disziplinen kompetent beteiligt sein sollen. Ich gebe
mich keinen Illusionen darüber hin, welche Chancen dieser Vorschlag
angesichts des Beharrungsvermögens von Hochschulstrukturen hat,
aber richtig ist er trotzdem.
3.8
Ein
Blick in die USA könnte hilfreich sein – sowohl für die Hochschulen
als auch für die Lehrerbildung.
In
diese These bin ich ja nun schon mit meiner letzten Bemerkung
geraten, aber ich möchte hier noch auf einige andere Beobachtungen
aus den USA eingehen, die mir für die deutsche Diskussion aufschlussreich
zu sein scheinen. Natürlich weiß ich, auf welches Glatteis ich
mich damit begebe – ich habe schließlich (das hat mit meiner
Biographie zu tun) oft genug über Vergleiche zwischen dem deutschen
und dem amerikanischen Hochschulwesen zu reden gehabt.
Die
Reaktionen sind dann meistens bipolar: auf der einen Seite diejenigen,
denen das deutsche Hochschulwesen nicht amerikanisch genug sein
kann oder die, wie der sächsische Wissenschaftsminister Meyer
einmal gesagt hat, „sich deutsche Hochschulen nur noch als amerikanischen
Verschnitt vorstellen können“. Auf der anderen Seite diejenigen,
für die alles amerikanische entweder irrelevant oder ausgesprochen
schädlich für das deutsche Hochschulwesen ist. Die Diskussionen,
die sich daraus manchmal ergeben, sind abenteuerlich und einen
eigenen Vortrag wert.
Ich
halte es da mit meinem Kollegen Gerhard Casper, dem auch aus
Deutschland stammenden ehemaligen Präsidenten der Stanford University,
der 1996 bei seiner Heisenberg-Vorlesung hier in München sehr
zutreffend gesagt hat: „In der amerikanischen Hochschullandschaft
glänzt bei weitem nicht alles –
und nicht alles, was glänzt, ist Gold.
Aber
gegen allzu große Vereinfachungen sind die Leser dieses Beitrages
natürlich ohnehin gefeit, und so mache ich mich etwas gelassener
auf den Weg, hier und da in meinem Land etwas zu finden, das
für die deutsche Diskussion über das Verhältnis von Erziehungswissenschaft
und Bildungsreform möglicherweise hilfreich sein könnte.
Das
stößt zunächst einmal auf die Schwierigkeit, dass es mit der
Reform von Bildung in den USA so furchtbar weit nicht her ist.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Gerhard Casper, mit dem
ich vor einiger Zeit einmal die Idee eines Buches über einen
Vergleich zwischen deutscher und amerikanischer Hochschulreform
diskutieren wollte. Sein dringender Rat: ich solle mich auf
Deutschland beschränken, denn Hochschulreform finde in den USA
nicht statt.
Das
muss man natürlich cum grano salis nehmen, denn natürlich
ändert sich in einem so vielgestaltigen und dynamischen System
wie dem amerikanischen Hochschulwesen ständig irgendetwas –
die Zulassungspraxis (Stichwort: affirmative action oder
die Abschaffung der herkömmlichen SAT Testergebnisse
bei der Zulassung für die University of California),
die Studienfinanzierung (Stichwort: need-blind admissions),
die Hochschulfinanzierung insgesamt (Stichwort: private Hochschulen
werden immer mehr öffentlich finanziert, öffentliche Hochschulen
immer mehr aus privaten Quellen), das Curriculum (Stichwort:
der „Kulturkampf“ der achtziger Jahre um die Zusammensetzung
des „Kanons“ der undergraduate education), die immer
stärker (und umstrittener) werdende Verknüpfung von Hochschulen
mit privatwirtschaftlichen Interessen u.v.a,
Dennoch
hat Casper natürlich insofern Recht, als es umfassende, systemweite
Reformbemühungen von der Art der in Deutschland in Gang gekommenen
Strukturreformen in den USA nicht gibt – und wahrscheinlich
auch wegen des völlig andersartigen Systemcharakters gar nicht
geben kann.
Darauf
aber kommt es mir hier auch nicht so sehr an. Worauf es mir
ankommt ist die Feststellung, dass die amerikanische Erziehungswissenschaft
für hochschulpolitische Entscheidungen welcher Art auch immer
ein unvorstellbar größeres Reservoir an gesicherten wissenschaftlichen
Erkenntnissen bereit stellt, als dies für Deutschland gelten
kann – selbst wenn man den Bevölkerungsfaktor doppelt in Rechnung
stellt. Das bedeutet, dass sich hochschulpolitische Entscheidungen
der unterschiedlichsten Art auf eine ungleich solidere und umfassendere
empirisch-analytische Basis stützen können – ob es nun um affirmative
action (Bowen and Bok 1998; Orfield 2001) oder die prognostische
Validität von Testergebnissen oder Schulnoten, um Studienverlaufs-
oder Berufseintrittsanalysen, um die Bewertung alternativer
Finanzierungsmodelle oder die Bewertung der Produktivität von
wissenschaftlichem Personal, um das Sozialverhalten von Studierenden
oder um die Entwicklung indirekter Kostenrechnungen geht. Forschungsverbünde
wie das National Center for Postsecondary Improvement
(Stanford, Pennsylvania, Michigan), das National Center for
Higher Education Management Studies (NCHEMS) in Colorado,
die Forschungstätigkeit der Carnegie Foundation for the Advancement
of Teaching vor allem im Bereich der Hochschuldidaktik,
die überaus rege Sektion (Division L) für Hochschulforschung
in der American Educational Research Association (AERA)
– das alles sind sowohl Indizien wie auch Bedingungen für eine
etablierte und lebendige wissenschaftliche Beschäftigung mit
Hochschulfragen in den USA.
Noch
reichhaltiger sieht es in dem zweiten von mir angesprochenen
Bereich, der Lehrerbildung, aus, wo das inzwischen in vierter
Auflage vorliegende „Handbook of Research on Teaching“
(Richardson 2001), das 1963 von meinem Kollegen Nate Gage ins
Leben gerufen und 1970 von Karlheinz Ingenkamp (1970-71) verdienstvoller
Weise für ein deutsches Publikum bearbeitet wurde, ein eindrucksvolles
Kompendium des Standes der Forschung darstellt. Daneben gibt
es inzwischen – noch spezifischer für unser Thema – in zweiter
Auflage ein eigenes „Handbook of Research on Teacher Education“
(Sikula et al. 1996), das auf knapp 1200 Seiten den Stand der
Forschung zur Lehrerbildung zusammenfasst.
Ich
habe mir neulich noch einmal das Programm der diesjährigen Tagung
der AERA in New Orleans angesehen. Natürlich ist die
AERA in einem großen Land mit einem großen Hochschul-
und Forschungssystem eine gewaltigere Versammlung als die Deutsche
Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in Deutschland; da wäre
jeder absolute Vergleich unfair und sinnlos. Aber relativ kann
man natürlich schon vergleichen, welche Aufmerksamkeit bei den
Veranstaltungen dieser beiden Gesellschaften die empirische
Unterrichts-, Lehr- und Lehrerbildungsforschung in Anspruch
nimmt. Und da liegt nicht nur ein großer Ozean dazwischen, sondern
geradezu ein Lichtjahr unterschiedlicher Prioritäten.
Natürlich
weiß ich, dass sowohl in New Orleans als in München nur mit
Wasser gekocht wird, und vor allem liegt mir überhaupt nicht
daran, das, was bei diesem Kongress und andernorts in der deutschen
Erziehungswissenschaft an guter wissenschaftlicher Arbeit zum
Thema Hochschulen und Lehrerbildung geleistet wird, gering zu
schätzen oder gar zu entmutigen. Aber ich halte auch vor dem
Hintergrund dieser Vergleiche noch einmal fest, das eine verantwortliche
Bildungs- und Reformpolitik – vor allem im Bereich von Hochschulreform
und Lehrerbildung – auf eine solidere und umfassendere wissenschaftliche
Basis angewiesen ist, als sie bislang von der versammelten deutschen
Erziehungswissenschaft erstellt worden ist.
Die
beiden Kulturen – Bildungspolitik und Bildungsforschung – haben
eine natürliche Tendenz, sich voneinander unabhängig zu machen.
Das ist – allen Lippenbekenntnissen zum Trotz – besonders stark
in der Bildungspolitik ausgeprägt, die wissenschaftliche Ergebnisse
zwar gerne, wo sie ins politische Konzept passen, zur Legitimierung
politischer Entscheidungen heranzieht, der aber im Grunde die
Bereitschaft fehlt, wissenschaftliche Ergebnisse mit aller gebotenen
Sorgfalt auszuwerten und in den Calculus der politischen Entscheidung
einzubeziehen. Dieser Flucht der Politik vor der Auseinandersetzung
mit bildungspolitisch relevanten wissenschaftlichen Ergebnissen
leistet man natürlich Vorschub, wenn man es der Politik allzu
leicht macht, sich auf das Fehlen einschlägiger wissenschaftlicher
Belege herausreden zu können.
Was
immer sonst in Amerika schief laufen mag – dieses Alibi steht
dort der Bildungspolitik nun wirklich nicht zur Verfügung. Das
ist mir noch einmal besonders deutlich geworden, als ich mir
die in jüngerer Zeit wohl ambitiöseste amerikanische Reforminitiative
in der Lehrerbildung etwas näher angesehen habe – die National
Commission on Teaching and America’s Future (What Matters
Most 1996; Darling-Hammond 1997). Ich gebe dabei – um das gleich
vorweg zu sagen – gerne zu, dass es sich bei der Reform der
Lehrerbildung in den USA um ein zumindest ebenso dringendes
Projekt handelt wie in Deutschland, wenn auch aus anderen Gründen
(so z.B. der mangelnden fachwissenschaftlichen Ausbildung –
cf. What Matters Most 1996, S. 150; Darling-Hammond 1997, App.
B, Table 2).
Aber
auch das ist hier nicht der zentrale Punkt. Es geht mir vielmehr
um zwei Dinge: Erstens, dass hier eine Reforminitiative mit
wirklich solider bildungswissenschaftlicher Rückendeckung auf
den Weg gebracht wurde (cf. u.a. What Matters Most 1996, Appendices
D und E; Darling-Hammond 1999); zweitens, dass die wissenschaftliche
Grundlegung dieser Initiative Gegenstand einer intensiven und
an den Daten orientierten Debatte unter Erziehungswissenschaftlern
geworden ist, die selbst wieder wichtige neue und für den Reformprozess
wichtige Einsichten eröffnet hat (z.B. Gallagher and Bailey
2000; Goldhaber and Brewer 2000, 2001; Gregorian 2001; Darling-Hammond
et al. 2001). Man würde sich beides – die wissenschaftliche
Grundlegung und die wissenschaftliche Debatte – für die bevorstehende
Auseinandersetzung zur Reform der Lehrerbildung in Deutschland
wünschen.
3.9
Erziehungswissenschaft: Wissenschaftsverständnis und
Wissenschaftsorganisation
Ich
kann nicht vorhersagen, wie die Wissenschaftsgeschichte über
die Verselbständigung der deutschen Erziehungswissenschaft als
einer vornehmlich geisteswissenschaftlichen Disziplin und ihre
zunehmende Entfernung von der empirischen Erforschung schulischer
Lehr- und Lernprozesse urteilen wird; von wichtigen Ausnahmen
abgesehen, finde ich den Gesamtertrag an wissenschaftlichen
Einsichten nicht überwältigend, und viele der Ausnahmen wären
vielleicht auch im Rahmen anderer Disziplinen zur Blüte gelangt
– der Geschichtswissenschaft, der Philosophie, der Linguistik,
der Psychologie oder der Kultursoziologie. Das aber mag einstweilen
dahingestellt bleiben.
Sollte
aber jemand meine Prämisse teilen, dass man sich auch, auf Helgoland
oder wo auch immer, eine andere Erziehungswissenschaft vorstellen
könnte – eine, die Schule und Unterricht, Lehren und Lernen
als zentrales wissenschaftliches Thema versteht – dann hätte
das natürlich auch sowohl Voraussetzungen als auch Auswirkungen
struktureller und wissenschaftsorganisatorischer Art.
Ich
habe das in einem vorhergehenden Abschnitt schon einmal kurz
angesprochen, als ich von der Erfahrung der disziplinübergreifenden
Zusammenarbeit in einer der besseren amerikanischen Schools
of Education gesprochen habe. Wenn man tatsächlich deutsche
Erziehungswissenschaft der herkömmlichen Art will, dann macht
eine solche School of Education natürlich keinen Sinn. Wenn
man aber eine Verbindung von disziplinübergreifender empirischer
Bildungsforschung mit wissenschaftlich begründeter und begleiteter
Lehrerbildung will – ohne deshalb auf wissenschaftskritische
Reflexion verzichten zu müssen – , dann spricht sehr viel für
dieses Strukturmodell einer „professional school“.
Es
gibt natürlich, wie in so mancher anderen Hinsicht, in den USA
eine beträchtliche Variationsbreite und die unterschiedlichsten
Gewächse, die sich alle „School of Education“ nennen.
Oft gibt es dort zwar Lehrerbildung – unterschiedlicher Qualität
– aber wenig ernstzunehmende Bildungsforschung. Mein Argument
orientiert sich – und das sollten alle normativen Argumente
– am bestmöglichen Standard, dem eines bildungswissenschaftlichen
Zentrums wie der School of Education in Stanford oder
UCLA oder Michigan. Dort tun sich die für ein umfassendes Verständnis
der Bedingungen von Lehren und Lernen erforderlichen Wissenschaften
zusammen. Dort schaffen – keineswegs immer konfliktfrei – Psychologen
wie Nate Gage und Lee Cronbach, Sprachwissenschaftler wie Shirley
Heath und Joshua Fishman, Soziologen wie James March und John
Meyer, Anthropologen wie George Spindler und Ray McDermott,
Historiker wie David Tyack und Larry Cuban, Ökonomen wie Hank
Levin und Martin Carnoy und Politikwissenschaftler wie Paul
Peterson und Mike Kirst und – wenn Sie wollen – Hans Weiler
gemeinsam mit Fachpädagogen eine anspruchsvolle wissenschaftliche
Grundlage für Schulunterricht, Lehrerbildung, Curriculum-Entwicklung
und Bildungspolitik – und sind dabei stolz darauf, einer erstklassigen
School of Education anzugehören.
Lassen
Sie mich an dieser Stelle noch auf einen Gesichtspunkt hinweisen,
der in der derzeitigen Diskussion um gestufte Studienabschlüsse
an deutschen Hochschulen so gut wie nicht vorkommt: gestufte
Abschlüsse würden neben allem anderen die strukturellen Voraussetzungen
dafür schaffen, auch in Deutschland dieses m.E. überaus bewährte
Modell der graduate professional school zu erproben.
Deren Ausbildungsgänge würden auf einem fachwissenschaftlich
orientierten ersten Studienabschluss (Bachelor) aufbauen und
wären übrigens denkbar nicht nur für den Bereich der Bildung,
sondern durchaus auch für andere Ausbildungsbereiche wie Recht,
Technik, Medizin oder Management.
Für
den Bildungsbereich wäre gerade diese Verknüpfung von interdisziplinärer
erziehungswissenschaftlicher Forschung und Reflexion mit der
professionellen Entwicklung von Lehrern eine ganz andere und
ungleich fruchtbarere Neuerung als die blassen „Kommissionen
zur Koordinierung der Lehrerbildung“, wie wir sie aus der Stellungnahme
der DGfE kennen. Da kommen die „Zentren für Lehren und Lernen“,
die wir für Sachsen vorgeschlagen haben (Freistaat Sachsen 2001,
S. 122-126), den Kriterien wirklicher wissenschaftlicher Professionalität
schon sehr viel näher. Vielleicht sollte man so etwas in Sachsen
oder auf Helgoland oder auch in Nordrhein-Westfalen tatsächlich
einmal ausprobieren.
4.
Epilog
Kommen
wir zum Schluss noch einmal auf Julian Barnes zurück und werfen
einen Blick darauf, was denn – nach dem Erfolg von Jack Pitmans
neuem England auf der Insel – aus dem alten England geworden
ist. Die Nachrichten sind nicht erfreulich. Die Konkurrenz des
neuen und besseren England auf der Insel scheint dem Original
doch sehr zu schaffen gemacht zu haben. Ich zitiere:
„Das
alte England hatte zunehmend an Macht, Territorium, Wohlstand,
Einfluss und Bevölkerung verloren und wurde inzwischen zu seinem
Nachteil mit den weiter zurückgebliebenen Gebieten Portugals
und der Türkei verglichen... Ein massiver Bevölkerungsverlust
trat ein ... aber den ‚alten Engländern’ ging der Ruf unerwünschter
Einwanderer voraus, die den Makel des Versagens mit sich trugen.“
(Barnes 1998, S. 259-260)
Natürlich
will ich nicht behaupten, dass das mit der auf dem Festland
zurückgebliebenen Erziehungswissenschaft auch so geschehen würde,
wenn man eine neue Erziehungswissenschaft anderswo neu ansiedeln
würde.
So
ganz ausschließen kann man es natürlich nicht.
Zitierte
Literatur
Astin,
A.W. (1993): What Matters in College? Four Critical Years Revisited.
San Francisco.
Barnes,
J. (1985): Flaubert’s Parrot. London (deutsch bei Rowohlt, 1997).
Barnes,
J. (1998): England, England. London (deutsch bei Kiepenheuer
und Witsch, 1999).
Bowen,
W.G. / Bok, D. (1998): The Shape of the River: Long-Term Consequences
of Considering Race in College and University Admissions. Princeton.
Darling-Hammond,
L. (1997): Doing What Matters Most: Investing in Quality Teaching.
New York.
Darling-Hammond,
L. (1999): Teacher Quality and Student Achievement: A Review
of State Policy Evidence (Document R-99-1). Seattle, WA (http://www.ctpweb.org/).
Darling-Hammond,
L. / Berry, B. / Thoreson, A. (2001): Does Teacher Certification
Matter? Evaluating the Evidence. In: Educational Evaluation
and Policy Analysis, Vol. 23, No. 1, S. 57-77.
Deutsche
Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (2001a): Stellungnahme
der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft zur Weiterentwicklung
der Lehrerbildung. In: Erziehungswissenschaft, 12. Jg., Heft
23 (Online-Fassung)
Deutsche
Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (2001b): Empfehlungen
für ein Kerncurriculum Erziehungswissenschaft. In: Erziehungswissenschaft,
12. Jg., Heft 23 (Online-Fassung)
Dey,
E.L. / Astin, A.W. / Korn, W.S. (1991): The American Freshman:
Twenty-Five Year Trends, 1966-1990. Los Angeles.
Freistaat
Sachsen (2001): Bericht der Sächsischen Hochschulentwicklungskommission
(Untersuchungen. Dokumente.
Tendenzen – Heft 4). Dresden.
Gallagher,
K.S. / Bailey, J.D. (eds.)(2000): The Politics of Teacher Education
Reform: The National Commission on Teaching and America’s Future.
Thousand Oaks, CA.
Goldhaber,
D.D. / Brewer, D. (2000): Does Teacher Certification Matter?
High School Teacher Certification Status and Student Achievement.
In: Educational Evaluation and Policy Analysis, Vol. 22, No.
2, S. 129-145
Goldhaber,
D.D. / Brewer, D. (2001): Evaluating the Evidence on Teacher
Certification: A Rejoinder. In: Educational Evaluation and Policy
Analysis, Vol. 23, No. 1, S. 79-86.
Gregorian,
V. (2001) Teacher Education Must Become Colleges’ Central Preoccupation.
In: Chronicle of Higher Education, August 17, 2001.
Ingenkamp,
K. (Hrsg.) (1970-71): Handbuch der Unterrichtsforschung. Weinheim.
Katchadourian,
H. / Boli, J. (1985):
Careerism and Intellectualism Among College Students.
San Francisco.
Katchadourian,
H. / Boli, J. (1994): Cream of the Crop: The Impact of Elite
Education in the Decade After College. New York.
Klitgaard,
R. (1985): Choosing Elites: Selecting the “best and the brightest”
at top universities and elsewhere. New York.
LeTendre,
G.K. / Baker, D.P. / Akiba, M. / Goesling, B. / Wiseman, A.
(2001): Teachers’ Work: Institutional Isomorphism and Cultural
Variation in the U.S., Germany, and Japan. In: Educational Researcher,
Vol. 30, No. 6, S. 3-15.
Gary
Orfield, G. with Kurlaender, M. (eds.) (2001): Diversity Challenged:
Evidence on the Impact of Affirmative Action. Cambridge, MA.
Virginia
Richardson, V. (ed.) (2001): Handbook of Research on Teaching
(4th ed.). Washington, DC.
Sikula,
J. / Buttery, T. / Guyton, E. (eds.) (1996): Handbook of Research
on Teacher Education (2nd ed.). New York.
Stevenson,
H.W. / and Nerison-Low, R. (2000): To Sum It Up: TIMSS Case
Studies of Education in Germany, Japan, and the United States.
Philadelphia, PA (www.ed.gov/pubs/SumItUp).
Teichler,
U. / Sadlak, J (eds.) (2000): Higher
Education Research: Its Relationship to Policy and Practice.
Kidlington.
Terhart,
E. (Hrsg.) (2000): Perspektiven der Lehrerbildung in Deutschland.
Abschlussbericht der von der Kultusministerkonferenz eingesetzten
Kommission. Weinheim.
Weiler,
H.N. (1983): Legalization, Expertise, and Participation: Strategies
of Compensatory Legitimation in Educational Policy. In: Comparative
Education Review, Vol. 27, No. 2, S. 259‑277
Weiler,
H.N. (2000): Zwischen Lilliput und Brobdingnag – Gullivers Reisen
durch die deutsche Hochschullandschaft. In: Joerden, J.C. /
Schwarz, A. / Wagener, H. – J. (Hrsg.): Universitäten im 21.
Jahrhundert. Berlin,
S. 203-213.
Weiler,
H.N. (2001a): Knowledge,
Politics, and the Future of Higher
Education: Critical Observations on a
Worldwide Transformation. In: Hayhoe, R. / Pan, J. (eds.): Knowledge
Across Cultures: A Contribution to Dialogue Among Civilizations.
Hong
Kong, S. 25-43.
Weiler,
H.N. (2001b): “Sowohl - als auch“ und „Ja, aber“. Zur Ambivalenz
von Hochschulen im allgemeinen und der Viadrina im besonderen.
In: Knefelkamp, U. (Hrsg.): „Blütenträume“ und „Wolkenkuckucksheim“
in „Timbuktu“ – 10 Jahre Europa-Universität Viadrina Frankfurt
(Oder) 1991-2001. Berlin,
S. 111-121.
(1996)
What Matters Most: Teaching for America’s Future (Report of
the National Commission on Teaching and America’s Future). New
York
Wissenschaftsrat
(2001): Empfehlungen zur künftigen Struktur der Lehrerbildung.
Köln.
Wunder,
D. (2000): Welche Bedeutung hat die Berufsausbildung von Lehrerinnen
und Lehrern für die Erziehungswissenschaft? Eine besorgte Anfrage.
In: Erziehungswissenschaft, 11. Jg., Heft 22 (Online-Fassung).
|